Macht der Corona-Frust unsere Kinder krank?

...
Auch unsere Kinder brauchen einen Lichtblick in ihrer Situation (Quelle: Pixabay)

Seit mehr als einem Jahr hat uns die Corona-Pandemie fest im Griff. Für Dagmara Gawin sind die Auswirkungen auf unsere Kinder fatal. Die Psychotherapeutin warnt und fordert ein verbindliches Öffnungsdatum, um durchhalten zu können.

Gemischtes Fazit nach einem Jahr Corona

Homeschooling, Homeoffice, Homeworkout – das komplette Leben reduzierte sich seit mehr als einem Jahr auf das häusliche Umfeld. Soziale Kontakte sollen runtergefahren, unnötige Ausflüge vermieden werden. Moderne Medien sollten die Brücke werden, um Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Digitaler Unterricht und Lernen auf Distanz waren die große Herausforderung, um Schulkindern den Lernstoff zu vermitteln.

Das bisherige Fazit fällt gemischt aus. „Lernen auf Distanz in der Grundschule – ein Horror“, so eine Grundschullehrerin aus Braunschweig. Ab der 4. Klassen aufwärts sei es aber gut möglich, zumindest mit Wechselunterricht Wissen zu vermitteln, da die Kinder wenigstens selbstständig die Aufgabenstellung lesen können. Der wichtigste Vorteil in dieser Belastungssituation: Aufgrund der reduzierten Klassengröße komme man im Stoff sehr gut voran. Die Kinder freuen sich wieder auf die Schule, genießen die sozialen Kontakte zu Mitschülern. Insgesamt harmonischer und friedlicher gehe es oftmals in den Klassen zu.

Auf der anderen Seite fehle eine Tagesstruktur, ein gleichbleibender Rhythmus. Müdigkeit und Motivationslosigkeit seien teilweise die Folge. In den höheren Klassen zeigt sich ein ähnliches Bild. Wer auf Distanz lernt, muss jetzt Selbstständigkeit und Eigenmotivation beweisen. Arbeitsblätter runterladen, Konferenzen einplanen, Aufgaben hochladen, Probleme mit der Technik beheben. Sich zu organisieren und Probleme eigenständig zu lösen macht die Jugendlichen einerseits kompetenter und selbstbewusster – andererseits zeigt sich auch hier eine Verschärfung der Situation von jenen, die von vornherein schwierigere Startbedingungen haben.

Die Gefahr für unsere Kinder

Profitieren werden die privilegierten, bildungsnahen Haushalte aus den Vorstädten, die über alle notwendigen Ressourcen verfügen, um ihre Kinder zu unterstützen. In einem Einfamilienhaus mit Garten lässt sich der Lockdown nun einmal besser aushalten, als in einer 3-Zimmer-Etagen-Wohnung in der Innenstadt. Auch wer eine höhere psychische Vulnerabilität mitbringt, gehört zu den Verlierern.

Leiden Jugendliche unter depressiven Verstimmungen, haben sie es nun noch schwerer, sich morgens pünktlich aufzuraffen, wenn der Laptop auch im Bett gestartet werden kann. Soziale Ängste nehmen zu, es fehlt an Übungssituationen und Kontakt zu Menschen in der realen Welt. Sportvereine und andere Freizeitaktivitäten sind geschlossen. Alles, was in einer Gruppe Spaß macht, wie das Tanzen, Musizieren, Singen, ist verboten.

Wie lange können Kinder und Jugendliche auf all das verzichten, ohne dass es sich negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkt? Man müsste meinen, Kindern seien anpassungsfähig. Ja, das sind sie sicherlich. Aber auch an ihnen geht diese Zeit nicht spurlos vorbei. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Um 60 Prozent sind die Anfragen nach einem Therapieplatz bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten laut einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung gestiegen (DPtV, Berlin, 19.02.21).

Grundlegende Bedürfnisse werden nicht bedient

Fast jedes dritte Kind zeigt ein Jahr nach Beginn der Pandemie psychische Auffälligkeiten. Auch wenn diese nicht immer zu einer psychischen Erkrankung führen, sind die Zahlen doch alarmierend. Die Psychotherapieforschung hat gezeigt, dass vier grundlegende Grundbedürfnisse erfüllt werden müssen, damit Kinder sich zu gesunden Erwachsenen entwickeln können: Bindung, Orientierung/Kontrolle, Selbstwertstärkung und Lustgewinn/Unlustvermeidung (Grawe, 2004). Covid-19 hat uns dazu gezwungen, Kindern ihre sozialen Kontakte zu nehmen und Abstand zu halten. Umarmungen sind tabu, Elternteile in Quarantäne sollen sich von dem Rest der Familie separieren, auf Abstand gehen.

Wenn das Bindungsbedürfnis so lange frustriert wird, sind negative Auswirkungen auf die Psyche fast schon vorprogrammiert. Kinder erleben heute keine Beständigkeit. Was gestern Normalität war, ist heute verboten. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass alle Geschäfte geschlossen werden, alle Museen, Kinos, Schwimmbäder, Restaurants?

Politische Diskussionen rund um verschiedenste Öffnungsszenarien tragen zur öffentlichen Verwirrung bei. Inzidenz, R-Wert, Neuerkrankungen pro Woche, Todesfälle, freie Intensivbetten: die Rückkehr zur Normalität wird gefühlt jede Woche von einem anderen Kriterium abhängig gemacht. Es gibt kein Ende in Sicht, keinen Zeitpunkt, auf den wir vertrösten können, keine Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Wir sind nicht mehr in der Lage, unseren Kindern die Orientierung und Kontrolle über die Situation zu bieten, die sie brauchen. Sie sind hilflos unseren Entscheidungen ausgeliefert.

Ja, wir müssen die Alten und Kranken schützen. Und wer schützt unsere Kinder? Wir haben zu lange gezögert, unsere Impfstrategie ist langsam, bürokratisch und nicht durchdacht. Technische Möglichkeiten wie Luftreinigungsgeräte, um die Viruslast in geschlossenen Gebäuden zu verringern, bleiben ungenutzt. Deutschland verschläft seine Handlungsmöglichkeiten. Nur die vage Aussicht auf Lockerung reicht nicht mehr aus. Wir brauchen jetzt ein verbindliches Öffnungsdatum, um durchhalten zu können.

Zusatzinformationen und Quellen:

Grawe, Klaus: Neuropsychotherapie. Hogrefe Verlag, 2004, ISBN 978-3-8409-1804-9, S. 230

Pressemitteilung der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung vom 19.02.21

Kinder und Jugendliche: 60 Prozent mehr Anfragen für Psychotherapie (deutschepsychotherapeutenvereinigung.de)

Abgerufen am 03.03.21 unter https://www.deutschepsychotherapeutenvereinigung.de/gesundheitspolitik/aktuelle-meldungen/news-bund/?L=0&tx_news_pi1%5Bnews%5D=2964&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=d2adc6b2ff53a0a389528aa4de65a612

Die vier Grundbedürfnisse nach Grawe

Bindung: das Bedürfnis nach Verbundenheit, gemocht und geliebt zu werden, körperlicher Nähe wie Umarmungen, ein soziales Netz zu haben, auf das ich mich verlassen kann

Orientierung und Kontrolle: das Gefühl zu haben, das mein Leben vorhersagbar ist, ich spüre Verlässlichkeit und Sicherheit und habe Einflussmöglichkeiten, mein Leben zu gestalten

Lustgewinn und Unlustvermeidung: Das Bedürfnis nach Spiel und Spaß, das Bedürfnis, unangenehme Aufgaben zu vermeiden

Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung: Das Bedürfnis, von Anderen anerkannt zu werden, von sich selbst Gutes zu denken, Kritik zu vermeiden

Was Kinder jetzt brauchen

  • Soziale Kontakte und regelmäßige Treffen mit engen Freunden steigern das Gefühl von Verbundenheit
  • Austausch mit der Familie und körperliche Nähe geben Geborgenheit
  • Verbindlichkeit in unseren Aussagen und Vorhersagbarkeit, Routinen einzuführen gibt das Gefühl von Sicherheit
  • Gemeinsame Mahlzeiten in der Familie mit Austausch und positiver Atmosphäre haben einen günstigen Einfluss und gelten als Schutzfaktor
  • Wahlmöglichkeiten geben und Entscheidungsfreiheit lassen befriedigt das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Ressourcen stärken macht widerstandsfähiger gegen Stress: angenehme Aktivitäten steigern, wie gemeinsame Spieleabende, gemeinsam kochen, Sport in der Natur
  • Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung oder Imaginationsübungen helfen, Stress abzubauen

Dies ist ein Kommentar von Dagmara Gawin. Die Meinung der Autorin entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

Weitere Artikel aus "Meinungen"

Ein Jahr Corona – was bleibt?
Ein Jahr Corona – was bleibt?
Weitere Artikel