Ein Jahr Corona – was bleibt?

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Für unseren Autor Bob Blume gibt es zwei mögliche Szenarios nach der Corona-Pandemie. (Quelle: Bob Blume (Foto), IServ (Grafik))

Corona hat die Bildungslandschaft Deutschlands durcheinandergewirbelt und die Defizite gnadenlos aufgezeigt: Technische Missstände, digitaler Aufholbedarf und Defizite beim digitalen Lernen. Was davon bleibt relevant – vor allem nach Corona? Alles. Aber es gibt zwei grundlegende Szenarien.

Eine Utopie und eine Dystopie

Klar: Es gibt immer mehr als zwei Wege, aber für digitale Bildung unter Corona hat schon die Rückkehr nach dem 1. Lockdown gezeigt, welche Szenarien möglich sind. Grundsätzlich sind zwei Szenarien denkbar, die sehr weit auseinander liegen und eine große Auswirkung für den Bildungsstandort Deutschland haben – weit über die Zeit nach Corona hinaus.

Im ersten Szenario – dem dystopischen – kehren wir alle zurück zu einer vermeintlichen Normalität. Endlich keine Plattformen mehr! Endlich wieder „normaler“ Unterricht, ganz ohne Digitalisierung. Dieses Szenario ignoriert Entwicklungen oder schlimmer: Dreht die Uhr zurück. Ein Desaster!

Ein solches Szenario ist vor allem deshalb nicht auszuschließen, weil die Rahmenbedingungen in einigen Schulen so verheerend waren, dass die Grundlagen, auf denen nun andere Schulen weiterarbeiten können, gar nicht erst entwickelt worden sind. Und wer würde es jenen Kollegien verübeln, zurück zu einem quasi vordigitalen Zustand zu gehen, wenn es nicht einmal ein funktionierendes W-Lan gibt. Und Leute, die dieses betreuen, aufrechterhalten und im Notfall auch reparieren. Und auch das ist ja nur ein Baustein. Weitere Bausteine, die für eine wirklich nachhaltige digitale Bildung notwendig sind, finden sich im pädagogischen, didaktischen und kommunikativen Bereich. Anders gesagt: Es betrifft die gesamte Schule.

Das ist keine Rechtfertigung dafür, nicht zu beginnen, aber das schiere Volumen der Nachhifeanstrengung von Seiten des Bundes – über eine Milliarde Euro – zeigt, worum es geht: Der „Stoff“ soll nachgeholt werden. Natürlich ist es sinnvoll, unterrichtliche Inhalte, die im Fernlernen möglicherweise verpasst wurden, nachholen zu lassen. Aber allein die Tatsache, dass von den positiven Veränderungen, den technischen Kompetenzen, den neu erworbenen Fähigkeiten im Digitalen, gar keine Rede ist, lässt wenig Hoffnung aufkommen. Letztlich bedeutet diese Kraftanstrengung für die Kollegen ja eine Zusatzbelastung, ohne dass innovative Konzepte erstellt, Fortbildungen geplant und durchgeführt und neue Unterrichtsprojekte angestrengt werden. Zumindest in diesem dystopischen Szenario. Man könnte es auch pessimistisch nennen, aber es reicht für eine Dystopie, weil es bedeutet, dass die Zukunft einmal mehr ohne die Schulen weitergeht. Oder weitergehen würde, denn es gibt eine andere Möglichkeit. Das utopische oder positive Szenario.

Im utopischen Szenario nehmen wir uns Zeit, uns zu orientieren und dort anzuknüpfen, wo die Entwicklung uns hingebracht hat. Hier nehmen wir die Fäden auf – und in die Hand und versuchen, Bildung im digitalen Wandel weiterzudenken. Systematisch, zielorientiert, aber immer mit einer Haltung, die auch das Weiterexperimentieren erlaubt. Dieses Szenario hat das Potenzial zu einer Neubestimmung des Lernens.

Das bedeutet aber viel Arbeit. Es bedeutet zunächst, dass die in den Kollegien gegangene Schritte gemeinsam evaluiert werden, um eine gemeinsame Grundlage für die Weiterarbeit zu schaffen. Anhand von Leitfragen kann bestimmt werden, welche neu erworbenen Handlungsmöglichkeiten weiterverfolgt werden sollen:

-Welche (digitale) Arbeit hat gut funktioniert?

-Wo waren Herausforderungen?

-Wie konnte die (digitale) Arbeit das Lernen unterstützen?

-Wie können die verschiedenen Bereiche mit den Schülern evaluiert werden?

-Auf welcher gemeinsamen Grundlage kann weitergearbeitet werden?

-Wie können die neuen Möglichkeiten systematisch festgehalten werden?

-Wie fließt die „neue Arbeit“ in das Schulcurriculum ein?

Diese Fragen sind Orientierungspunkte für einen größeren Rahmen, in dem es darum geht, einen Dreischritt anzusetzen: Evaluieren, Konsolidieren und Systematisieren. Letztlich geht es darum, das digitale Lernen unter den Bedingungen des Notfallunterrichts zu Lernen im digitalen Wandel wird. Was sich für einige Ohren als möglicherweise unnötiges Phrasendreschen anhört, ist in Wirklichkeit zentral. Es geht darum, die verpasste Beschäftigung mit dem Digitalen, die im Zwang der pandemischen Situation vonstatten gegangen ist, aus dem engen Fokus des Notfalls zu befreien. Digitale Bildung oder eben Lernen unter den Bedingungen des digitalen Wandels beinhaltet Plattformen und Tools. Aber eben nicht als einziges Mittel der Weiterführung von Unterricht, sondern als Erweiterung der Handlungs- und Reflexionsspielräume. Einfacher: Aufgeklärte Bürger in einer Gesellschaft, in der Kunst, Kultur und Wirtschaft auch digital stattfindet und verhandelt werden, müssen eben auch digital aufgeklärt sein. Das bleibt eine Mammutaufgabe.

In dem zweiten, utopischen Szenario erkennen die Schulen aber die Dringlichkeit dieser Aufgabe. Nach einem Wort dafür, was geschähe, wenn die politischen Verantwortlichen diese Dringlichkeit auch sähen, muss noch gefunden werden. Es wäre vielleicht tatsächlich eine Utopie – im wahrsten Sinne des Wortes: Ein guter Ort.

Lasst uns zusammen an dem zweiten Szenario arbeiten!

Dies ist ein Kommentar von Bob Blume. Die Meinung des Autoren entspricht nicht zwingend der Meinung unserer Redaktion.

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