First Togetherness: Warum Christoph Rickels Gewalt den Kampf ansagt

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Mit seiner Initiative First Togetherness macht Christoph Rickels das Thema Gewalt am eigenen Schicksal erlebbar. (Quelle: Sebastian Fuchs)

Mit seiner Initiative „First Togetherness“ macht Christoph Rickels das Thema Gewaltprävention für Schülerinnen und Schüler erlebbar. Der Norddeutsche macht am eigenen Schicksal begreiflich, warum Courage wichtig ist. Sein Leben wurde vor 14 Jahren von einem einzigen Faustschlag nachhaltig beeinflusst.

Ein kurzer Augenblick verändert ein ganzes Leben

Wenn Christoph Rickels spricht, folgen ihm die Augen- und Ohrenpaare gebannt. Auf beeindruckend mutige Art und Weise nimmt er seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise in seine Vergangenheit. Wovon er berichtet, sorgt nicht selten für kollektive Gänsehaut, denn es könnte jedem widerfahren: Ein junger Mann spricht in der Diskothek die falsche Frau an. Deren Freund gefällt das gar nicht und der schlägt zu. Ein kurzer Augenblick verändert ein ganzes Leben.

Christoph Rickels erlebte das Ende September 2007. Es sollte sein persönlicher Abschiedsabend werden aus der Heimat Ostfriesland. An der Bar traf er eine Bekannte und gab ihr ein Getränk aus. Deren Freund reagierte extrem eifersüchtig, der Streit eskalierte und ein einziger Faustschlag traf Rickels derart wuchtig am Kinn, dass der damals 20-Jährige ohnmächtig wurde und ungeschützt mit dem Kopf auf dem Kopfsteinpflaster aufschlug. „Eigentlich weiß ich nichts mehr, außer Bruchteile“, sagt er heute.

Die Folgen des fatalen Faustschlags waren ein Schädel- und Jochbeinbruch sowie eine sechsfache Hirnblutung. Der junge Mann, der von einer Karriere bei der Bundeswehr träumte, lag daraufhin vier lange Monate im Koma und überlebte die Tortur nur mit sehr viel Glück. „Ich war fit und durchtrainiert, aber ich konnte nichts machen“, betont er häufig in seinen Vorträgen und unterstreicht damit, die Sinnlosigkeit von Gewalt. „Viele denken, dass Gewalt cool ist. Aber Gewalt ist einfach dumm und macht nur kaputt“, warnt Rickels.

Der Weg nach vorne

Das, was ihm angetan wurde, hat sichtbare Spuren hinterlassen: Christoph Rickels ist zu 80 Prozent schwerbehindert, hat Probleme beim Sprechen und eine spastische Lähmung. Ein langer und sehr steiniger Weg in ein völlig neues Leben nahm für den heute 34-Jährigen damals seinen Lauf. Was vor dem Faustschlag war, daran erinnert er sich nicht mehr. „Deshalb kann ich auch so gut mit meinen Defiziten umgehen, weil ich gar nicht das Bewusstsein habe, dass es einmal anders war“, erklärt er. „Ich weiß es zwar, aber ich fühle es nicht. Das macht es leichter.“

Statt an dem schweren Schicksal zu zerbrechen, wählte Rickels lieber den Weg nach vorne und geht ganz offen damit um. „Ich kann gar nicht anders“, entgegnet er stolz. Mit seinem Projekt „First Togetherness“ möchte Christoph Rickels Menschen für mehr Zusammenhalt sensibilisieren und hat damit schon so viele erreicht.

Schon vor der Corona-Pandemie hielt er regelmäßig Vorträge in vielen Schulen, um den jungen Menschen ein Beispiel für die Folgen von Gewalt zu sein. Sein Motto lautet: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Das Besondere daran: Die Begegnung mit den Schülerinnen und Schülern findet stets auf Augenhöhe statt. Rickels will nicht der Moralapostel mit dem erhobenen Zeigefinger sein. Mit der Sprache der Jugend gewinnt er dabei fast spielerisch ihr Vertrauen.

Mit der Sprache der Jugend gewinnt Christoph Rickels fast spielerisch das Vertrauen seines Auditoriums. (Quelle: Christoph Rickels)

„Mir ist klar geworden: Ich war auch nicht anders!“

Oft werde er im Rahmen seiner Vorträge gefragt, wie er reagieren würde, käme es noch einmal zur Begegnung mit dem Täter. „Am Anfang wollte ich mich rächen“, gibt Rickels offen zu. Heute würde er viel lieber das Gespräch suchen und versuchen, einen normalen Umgang zu pflegen. Den Täter kennt er. Dieser wurde damals zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. „Es hätte mir auch passieren können“, pflegt er stets zu betonen. Und er meint es, wie er es sagt. Das spürt jede Zuhörerin und jeder Zuhörer. In seiner Jugend habe er sich auch geprügelt.

Dieser Perspektivwechsel rege seine jugendlichen Zuhörer stets am stärksten zum Nachdenken über das eigene Handeln an: „Das zeigt mir: Du kannst trotz der ganzen Scheiße noch etwas Großes bewegen. Ich habe darüber nachgedacht, warum mir das eigentlich passiert ist. Und mir ist klar geworden, dass ich auch nicht anders war. Ich habe mich auch geschlagen und wollte cool sein. Alle wollen die coolen Macker sein – und wenn es cool ist, dass man sich prügelt, dann prügelt man sich halt. Ich glaube, wir müssen da eine Wende hinbekommen. Wir müssen das Miteinander cool machen.“

Gemeinsam mit dem Journalisten Alex Raack hat Christoph Rickels seine Geschichte aufgeschrieben. Herausgekommen ist das Buch „Schicksals Schlag – Täter, Opfer, Aktivist – warum ich der Gewalt den Kampf ansage“ (EDEL Books UVP 17,95 €, ISBN/GTIN 978-3-8419-0721-9).